#Brieferl No.34 – Die Goaschtigen, die Unseriösen und die armen Krüppel

Lieber Cousin Herbert,

heute muss ich dir mein tiefstes Mitgefühl ausdrücken. Wirklich, Schmäh ohne.

Die Menschen können so goaschtig sein, du glaubst es nicht. Da kursieren jetzt überall Bilder von dir am Pferd. Bei manchen steht „Herbert, der Gaulleiter“ oder „Leberkas-Berti“ dabei, andere wiederum zeigen dich strahlend am Karussell auf einem Holzpferd und die ganz goaschtigen Leute weisen darauf hin, dass Reiten immer schon eine gute Therapie für Verhaltensauffällige jedweder Art war. Ich mag diese goaschtigen Bilder hier gar nicht publizieren.

Du hast es echt nicht leicht, das muss ich sagen.

Mit deinen Kollegen gibt‘s auch nur Scherereien, wenn ich an die werte Kollegin Dagmar Belakowitsch denke. Die hat nämlich das Volksbegehren für das Inkrafttreten des Rauchverbots in der Gastronomie als „nicht seriös“ erachtet. Aha.
https://derstandard.at/2000074548512/Fuer-FPOe-ist-Dont-Smoke-Begehren-unserioes

Ich habe mir übrigens extra den Ausschnitt beim ORF angeschaut – sie hat das wirklich so gesagt! Ungeschnitten! Nix Verschwörung!

Schon irgendwie witzig, das Demokratieverständnis der FPÖ. Ihr wolltet doch immer mehr Volksbeteiligung. Die Karoline Edtstadler reagiert sofort, wenn ein paar Leute in sozialen Medien nach härteren Strafen schreien.
Am 30. September2017 hat der Norbert noch vollmundig erklärt, dass es zu CETA mit der FPÖ eine Volksabstimmung geben werde. Weil „Immerhin hätten sich mehr als eine halbe Million Österreicher in einem Volksbegehren Anfang des Jahres gegen das Freihandelsabkommen ausgesprochen, was als deutliches Zeichen und Auftrag an die Bundesregierung zu werten sei.“

Okay, der Basti war nicht dieser Ansicht, weil im Regierungsprogramm ist auf Seite 141 im Punkt „Internationalisierung“ zu lesen: „Ratifizierung und Umsetzung des am 18.10.2016 im Ministerrat und in weiterer Folge am 30.10.2016 von der Europäischen Union und Kanada beschlossenen Handelsabkommens CETA“.

Aber merken wir es uns doch spaßeshalber: Mehr als eine halbe Million Unterstützer gelten in der FPÖ als „deutliches Zeichen und Auftrag“. Nur für den Fall, dass die Volksbegehren (es gibt ja auch noch das für die Frauen) trotz vieler UnterstützerInnen zwar im Parlament behandelt, aber doch nur ogschasselt werden sollten.

Und mit den Servern im Ministerium gibt‘s auch nur Scherereien, weil sie wegen der Volksbegehren die Patschen strecken. Die benehmen sich, als litten sie unter permanenter Konzentrationsschwäche. Ich vermute, dass es nur zwei Möglichkeiten für die Serverausfälle gibt:

1) Einen unfähigen IT-Verantwortlichen
2) Eine fähigen, weisungsgebundenen IT-Verantwortlichen

Würdest du mir, so unter uns, verraten, welche der Varianten es ist? Weil im ersten Fall könnte ich dir helfen. Ich kenne da jemanden, der das locker in den Griff kriegen würde.

Eine letzte Frage habe ich noch für heute: die Behinderten (im Wienerischen oftmals als „arme Krüppel“ bezeichnet) werden jetzt im Stich gelassen. Weil es kein Geld für sie gibt.
https://kurier.at/politik/inland/koalition-besserstellung-von-menschen-mit-behinderung-soll-ausgesetzt-werden/311.411.204

Meinst du, sollen wir die alle am besten zu Opel schicken? Vielleicht bekommen die ja auch alle einen schnittigen Insignia geschenkt. Und wenn es Bröseln geben sollten, dann können sie den immer noch zu „marktüblichen Konditionen“ kaufen.
https://kurier.at/politik/inland/oevp-abgeordnete-kira-gruenberg-kauft-das-von-opel-geschenkte-auto/299.293.352

Würde mich ja interessieren, ob die engagierte Behindertensprecherin der ÖVP mit exzellentem Durchsetzungsvermögen den Insignia wirklich gekauft hat. In sämtlichen Berichten steht nämlich „sie hat angekündigt, sie werde ..“.

Komisch irgendwie. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass ein derartiger Ankauf zumindest in ihrem Wikipedia-Artikel berücksichtigt wäre, meinst du nicht auch? Schon im eigenen Interesse. Ist er aber nicht.
https://de.wikipedia.org/wiki/Kira_Gr%C3%BCnberg

Auf ihrer eigenen Homepage steht darüber auch nix. Eigenartig, findest du nicht? Vielleicht hat sie es auch einfach nur vergessen, weil sie zu beschäftigt war, sich für die Behinderten einzusetzen. Also das Publizieren des Ankaufs meine ich freilich, nicht den Ankauf selbst!

Jedenfalls freue ich mich zumindest über eines, was dich, die FPÖ und die ÖVP betrifft: ihr seid alle vom gleichen, zuverlässigen, vertrauenswürdigen Schlag. Ihr passt wirklich gut zusammen.

Liebe Grüße,
Cousine Daniela

P.S.: Ich hoffe, ich bekomme wegen der „armen Krüppel“ keine Schwierigkeiten hinsichtlich politischer Korrektheit. Über die echauffiert man sich heutzutage ja lieber als über den eigentlichen Inhalt. Aber ich beziehe mich da auf ein Stück Kulturgut, das heute wahrscheinlich in dieser Form gar nicht mehr möglich wäre.

Krüppellied – Qualtinger&Heller