#Brieferl No.4 – Herzliche Gratulation

Lieber Cousin Herbert,

du hast es tatsächlich geschafft! Heute bist du endlich, als Erster in unserer Familie, zum Minister unserer schönen Alpenrepublik angelobt worden. Goa net schlecht! Gratulation jedenfalls, wir sind alle sehr stolz auf Dich. Na ja fast. Mehr oder weniger halt.

Aber wer will schon, jetzt und heute, an diesem Freudentag, pingelig sein. Ich bin auch nicht pingelig, ich verstehe nur manche Sachen nicht.

Gut, dass Ihr immer für alles Ungemach die Ausländer verantwortlich macht, das wissen eh alle. Völlig zurecht freilich, sackeln uns diese Gfrastsackln doch förmlich aus. Und die paar ausländischen Krankenschwestern und Busfahrer, Pflegerinnen und Ärzte, Putzfrauen und Automechaniker – auf die können ma eh eigentlich auch noch verzichten.

Was ich nicht ganz verstehe ist ja, dass Ihr FPÖ-ler Euch immer als Partei des „kleinen Mannes“ verkauft habt. Irgendwie finde ich dazu aber jetzt so rein gar nix im aktuellen Regierungsprogramm. Aber vielleicht verstehe ich es ja auch nicht.

Wie genau profitiert der kleine Mann von der Kürzung des Arbeitslosengeldes, wenn er sich für längere Zeit keine Arbeit gefunden hat?
Wie genau profitiert der kleine Mann von einem Modell wie Hartz IV?
Wie genau profitiert der kleine Mann vom neuen Mietrecht, marktkonformen Mieten und Mehreinnahmen für Zinshausbesitzer?
Wie genau profitieren die kleinen Kinder des kleinen Mannes von der Einführung der Studiengebühren?

Ich könnte die Liste jetzt noch fortsetzen, aber ändern tät sich nix. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, Ihr verarscht alle. Na ja, Hauptsache es wird mehr Polizei geben und die Überwachung der Schäfchen wird verschärft.

Aber vielleicht tu ich Euch ja auch Unrecht und das alles ist auf Bastis Mist gewachsen und Ihr könnt faktisch gar nix dafür. Ihr habt halt notgedrungen mitgemacht. Könnte sein, wer weiß das schon.

Und wenn dann die Legislaturperiode bald wieder aus sein wird, dann werdet Ihr wieder auf die Ausländer zeigen und wieder sagen, dass es noch immer zu viele gibt, die “ in unseren Zelten herumliegen und uns auf den Taschen“. In der Hoffnung, dass der kleine Mann bis dahin vergessen haben wird, dass es ihm jetzt auch schlechter geht.

Ich will dir ja jetzt sicher nicht den Spaß verderben, aber es wird sie geben …
– diejenigen, die nicht vergessen werden
– diejenigen, die die anderen daran erinnern werden
– diejenigen, die aus dem blauen Scherbenhaufen eine bessere Welt basteln werden

Liebe Grüße,
Cousine Daniela