#Brieferl No.39 – Mit „Troja Quest“ nach Schasklappersdorf





Lieber Cousin Herbert,

gestern konnte ich leider kein Brieferl schreiben, weil ich eine Freundin aus Schulzeiten zu Besuch hatte. Sie war extra mit dem Flugzeug aus Schottland angereist, damit wir endlich wieder einmal genug Zeit zum Tratschen haben. Ich reise ja auch oft mit dem Flugzeug. Da habe ich so darüber nachgedacht, wie es wohl wäre, wenn Österreich ein Flugzeug wäre …

Grundsätzlich gehe ich als Flugpassagier davon aus, dass sich die Fluglinie um alles Wichtige kümmert. Also dass der Flieger ordentlich gewartet ist und nicht bei der kleinsten Windböe auseinanderbricht. Kühn wie ich bin, erwarte ich sogar, dass genug Treibstoff an Bord ist. Und dass ich an das Ziel komme, für das ich gebucht habe, liegt sowieso auf der Hand.

Ich stelle mir den Basti als Kapitän und den Bumsti als Copiloten vor. Da haben wir Passagiere einen Flug in den Süden gebucht, um gemütlich mit unseren Familien am sonnigen Strand zu spielen. Nicht zu heiß, nicht zu kalt, gerade angenehm. So dass sich alle, bis auf die ewigen Querulanten, denen eh nie was passt, wohlfühlen können. Ein paar wenige sitzen in der Business Class, der Rest ist Holzklasse.

Kurz nach dem Start werden die Luftbegleiter ausgeschickt. Als erste Maßnahme werden einigen Passagieren aus der Holzklasse die Schwimmwesten unter den Sitzen weggeräumt und die Sauerstoffmasken aus den oberen Fächern gerissen. Aus Einsparungsmaßnahmen. Und weil es ja eh nur die betrifft, von denen man sagt, sie hätten sich irgendwie durchgeschummelt oder einer gewissen kleinen Gruppe angehören, regt sich der Rest der Holzklasse auch nicht auf. Sie sind ja eh versorgt, für den Fall, dass etwas passiert. Ein paar aufmerksame Holzklässler bemerken, dass die Schwimmwesten und Sauerstoffmasken in die Business Class geliefert werden. Es mutet eigenartig an, denn die haben es ja ohnehin nicht nur viel bequemer, sie haben ja auch bereits ihre eigenen Fallschirme. Nun gut, die Flugbegleiter werden schon wissen, was sie machen. Wir sind ja doch nur die dummen Passagiere.

Wir befinden uns noch immer im Steigflug, als eine Durchsage von Kapitän Basti kommt. Er ist ja so fesch, dieser junge Kapitän. Und wie gescheit er geredet hat, als er uns an Bord begrüßt hat. Wenn man dem nicht vertrauen kann, wem dann.
„Zuerst einmal Danke, dass Sie mit Basti und Bumsti fliegen. Fliegen ist aus meiner Sicht eine gute Möglichkeit, irgendwohin zu kommen. Wir haben immer gesagt, dass wir Reiseziele neu bewerten müssen. Daher haben wir die geplante Südflugroute geschlossen und fliegen jetzt nach Norden! Schasklappersdorf an der Banane scheint mir ein geeignetes Ziel zu sein, damit alle von der Nordflugroute profitieren können. Danke für Ihre Aufmerksamkeit!“

Wir Holzklässler hören den Applaus aus der Business Class. Die müssen was wissen, was wir nicht wissen. Rumoren breitet sich bei uns aus, aber dann ertönt wieder der Lautsprecher. Diesmal spricht der Copilot Bumsti zu uns, der ist auch recht fesch und wirkt außerdem unglaublich seriös, weil er eine Brille trägt.
„Wir hatten zwar ursprünglich einen Nichtraucherflug vereinbart, aber weil wir niemanden diskriminieren wollen, wünsche ich viel Freude beim Tschicken.“

Ein paar der Holzklässler wollen gerne mit den anderen die Kursänderung und die dubiose Umverteilung der Schwimmwesten und Sauerstoffmasken diskutieren. Leicht haben sie es nicht, denn zwischen denen, die sich bereits ein Zigaretterl angezündet haben und jenen, die sich dadurch belästigt fühlen, ist ein heftiger Streit entbrannt. So kümmert sich auch kaum jemand darum, als der Chefflugbegleiter Herbie erzählt, dass auf Anweisung des Pilotenteams eine App namens „Troja Quest“ auf allen Smartphones aller Passagiere installiert wurde. Diese kann nämlich verhindern, dass unser Flugzeug wegen terroristischer oder extremistischer Machenschaften Opfer einer derartigen Bedrohung wird. „Troja Quest“ ist spitzenmäßig, weil es jede Aktivität seines Benutzers umgehend an das Pilotenteam meldet, damit es zu keiner Bedrohung aus den eigenen Reihen kommen kann.

Der Rauch legt sich langsam, es kehrt wieder Friede bei den Passagieren ein. Wir stellen fest, dass wir zwar den allgemeinen Geschäftsbedingungen notgedrungen zugestimmt haben, wir jedoch mit dem Service absolut unzufrieden sind. Ein kleines Grüppchen wird losgeschickt, um dem Pilotenteam zu verklickern, dass das so nicht geht. Der junge fesche Basti hüllt sich Schweigen und Bumsti beschuldigt den Basti. Wir bemerken, dass wir deren Machenschaften hilflos ausgeliefert sind. Wir akzeptieren das nicht, suchen uns Piloten aus den eigenen Reihen und ersetzen das Team. Trotz des Umwegs schaffen wir die Kehrtwende und landen planmäßig im Süden.

Das könnte so sein, meinst du nicht auch?

Als Holzklässlerin hatte ich doch letzte Woche vom ersten Schritt zur Kurskorrektur geträumt. Einem Volksbegehren für ein Gesetz zur Auflösung des Nationalrates. Nun war ich mir nicht sicher, ob dies aus rechtlicher Sicht möglich ist. Weil die Idee fast zu simpel erschien. Auch wenn ich weiß, dass ein Volksbegehren ab 100.000 Stimmen nur im Nationalrat „behandelt“ werden muss. Aber wenn es ganz viele wären, die unterzeichnen, das wäre schon ein gewaltiges Zeichen.

Im Gegensatz zu vielen Mitgliedern dieser Regierung verfüge ich ja über eine recht gute Bildung. Die hilft nicht nur dabei, viele Dinge zu wissen, sondern – und das ist wahrscheinlich noch wichtiger – auch dabei, zu wissen, was man alles nicht weiß. Je ungebildeter die Leute sind, desto eher glauben sie, ganz viel zu wissen. Ein eigenartiges Phänomen ist das.
Ich studiere seit Oktober wieder. Obwohl ich schon ein Wirtschaftsstudium abgeschlossen habe und schon 47 Jahre alt bin. Und das Wissen, das ich mir als aufmerksame und interessierte Studentin der Rechtswissenschaften bereits angeeignet habe, ist echt nicht schlecht, aber halt noch nicht ganz fundiert.

Und so habe ich mir gedacht, ich bin kühn und schreibe einen Juristen an, den ich als DEN Verfassungsjuristen in Österreich bezeichnen möchte. Unglaublich gebildet und erfahren in der Materie, dazu noch richtig klug. Bildung und Klugheit muss ja nicht immer Hand in Hand gehen, aber bei ihm tun sie das sehr wohl. Und er hat mir tatsächlich geantwortet, der Heinz Mayer. Und er hat mir bestätigt, dass meine Idee rechtens ist: Ein Volksbegehren zur Absetzung dieser Regierung ist legal und möglich!

Er hat mich freundlicherweise noch auf Folgendes hingewiesen: „Dass die Bundesregierungen stets nach einer Nationalratswahl dem Bundespräsidenten ihren Rücktritt anbieten, ist rechtlich nicht zwingend, sondern Höflichkeit, um dem Bundespräsidenten – ohne die Regierung entlassen zu müssen – die Neubestellung einer Bundesregierung zu ermöglichen, die den aktuellen Mehrheitsverhältnissen entspricht.“

Meinst du, wäre DIESE Regierung denn so höflich? Na ja, wir werden es vielleicht erleben. Jetzt muss ich mich aber wieder an die Arbeit machen. Es gibt noch viel vorzubereiten …

Liebe Grüße,
Cousine Daniela