#Brieferl No.188 – Ein Volk, eine Gesundheit, ein Frosch





Lieber Cousin Herbert,

kennst du das Gleichnis vom gekochten Frosch? Falls nicht, möchte ich es dir gerne erzählen.

Wenn du einen Frosch kochen willst, dann darfst du ihn keinesfalls einfach ins kochende Wasser werfen. Der Frosch würde die Hitze sofort bemerken und alles unternehmen, um sich zu befreien. Deshalb lege man den Frosch in lauwarmes, angenehmes Wasser, damit er sich so richtig wohl fühlt. Dann mache man das Wasser langsam heißer. Der Frosch wird es nicht bemerken, sondern angenehm müde werden und schließlich ist er gekocht.

Du fragst dich sicher, warum ich heute mit Froschzubereitung daherkomme, stimmt‘s? Weil ich das Gefühl habe, der rot-weiße-rote Frosch soll im türkis-blauen Wasser zerkocht werden.

Lass uns gemeinsam ein Gedankenexperiment durchgehen:

Was würde ich als professionelle Froschzubereiterin machen, wenn ich die Arbeits- und Sozialwelt zum Nachteil der Bevölkerung revolutionieren wollte?

1) Ich bringe ein Nebenthema aufs Tapet und bausche es auf. Ich impliziere, dass nicht nur die Einsatzfähigkeit des Heeres in Gefahr ist, sondern schmiere auch den “Gutmenschen“ Honig ums Maul, indem ich die NGOs mit berücksichtige.

2) Ich garniere meinen Plan damit, dass ich, pflichtbewusst wie ich nun mal bin, auf den “Unmut über die wachsende Ungerechtigkeit“ reagiere. Ungerechtigkeit mag niemand, also bin ich die Heldin.

3) Ich verwende ein Wort, das meine Verbündeten richtig zu interpretieren wissen.

4) Ich erzähle, alles unter Einbeziehung vieler Ressorts zu machen. Das schafft Vertrauen. Für den Fall, dass selbiges in das eine oder andere Ministerium nämlich nicht (mehr) allzu groß ist.

5) Ich gebe wie stets vor, das alles nur zum Wohle der Bevölkerung zu tun.

Nachdem ich meinen Plan nach den obigen Schritten verlautbart habe, kann ich mich an die Arbeit machen. Die würde ich wie folgt gestalten:

6) Ich ändere die Tauglichkeitskriterien für das Heer und den Zivildienst, führe einen neuen Begriff ein: Ab nun kann man dort “eingeschränkt tauglich“ sein, nicht gesund und dennoch arbeitsfähig. Die Menge jubelt, weil der “Unmut über die Ungerechtigkeit“ verflogen ist.

7) Gemeinsam mit dem Gesundheits- und dem Sportministerium (das nebenbei auch für den öffentlichen Dienst zuständig ist) erarbeite ich einen Plan zur Förderung der Gesundheit und damit Leistungsfähigkeit des VOLKES.

8) Ich bin froh und glücklich ob der schicksalshaften Fügung, dass alle involvierten Ministerien in der gleichen (nämlich meiner) Parteihand liegen. Verteidigungs-, Innen, Gesundheits- und Sportministerium nämlich.

9) Als nächstes, weil es auf der Hand liegt, überprüfe ich die Tauglichkeitskriterien für Beamte. Das ist nur gerecht, weil schließlich wurden die Kriterien ja auch beim Heer und Zivildienst geändert. Ab sofort wird die Dienstuntauglichkeit = “Krankheit“ neu definiert und es werden mehr Beamte diensttauglich sein als je zuvor.

10) Unmut wird sich breit machen. Die Beamten werden sagen, dass sie nicht die Deppen der Nation sind. Wenn für sie neue Kriterien zur Diensttauglichkeit gelten, dann wollen sie damit nicht allein dastehen.

11) Ich schreite wieder heldenhaft ein, denn den “Unmut über die wachsende Ungerechtigkeit“ kann und werde ich nicht hinnehmen. Die neuen Tauglichkeitskriterien werden also an die neu geschaffene bundesweite Krankenkasse weitergegeben. Ich kann mich auf die Umsetzung verlassen, weil doch der neue Chef dort ein Parteifreund von mir ist.

12) Geschafft. Über den Umweg der Tauglichkeitskriterien für Grundwehr- und Zivildiener habe ich es geschafft, ganz Österreich formal tauglicher zu machen. Das spart eine Menge Geld, weil nicht mehr so viele Krankenstände bezahlt werden müssen. Ob ich das Szenario weiterspinne und von Untauglichen zu Unnützen oder Unwerten schwenke, hängt von der Gesamtstimmung ab. Der größte Nutzen für die Gemeinschaft sollte jedenfalls gegeben sein. Weil ich will ganz sicher nicht, dass es wieder “Unmut über die wachsende Ungerechtigkeit“ gibt.

Du meinst jetzt, meine Phantasie geht mit mir durch? Au contraire mon cousin cher.

“Wehrpflicht: Bundesregierung will mehr taugliche Grundwehr- und Zivildiener“

Da steht alles drinnen. Vom “Unmut über die wachsende Ungerechtigkeit“ über den in 3) angesprochen Begriff der “Volksgesundheit“ bis hin zu “Das Thema der Tauglichkeit betrifft die Volksgesundheit als Gesamtes“.

Dass die angesprochenen Ministerien fest in blauer Hand sind, wissen wir ebenso, wie dass der freiheitliche Wirtschaftskammer-Vizepräsident Matthias Krenn der erste ÖGK-Obmann wurde.

Witzig übrigens, dass es schon einmal ein “Amt für Volksgesundheit gab. Und sehr schicke Ausweise haben die ausgegeben.
Dieses Amt war der DAF, der “Deutschen Arbeitsfront“ zugeordnet. Eine praktische Einheitsorganisation für Arbeitgeber und Arbeitnehmer.

Und die wiederum hatte nicht nur die Volksgesundheit, sondern das Wohl der gesamten Volksgemeinschaft im Sinne. Den Nutzen nicht zu vergessen, den jeder Einzelne zu erbringen hat(te).

“Das Ziel der Deutschen Arbeitsfront ist die Bildung einer wirklichen Volks- und Leistungsgemeinschaft aller Deutschen. Sie hat dafür zu sorgen, dass jeder einzelne seinen Platz im wirtschaftlichen Leben der Nation in der geistigen und körperlichen Verfassung einnehmen kann, die ihn zur höchsten Leistung befähigt und damit den größten Nutzen für die Volksgemeinschaft gewährleistet“

(Hitler, Verordnung über Wesen und Ziel der DAF, 1934, § 2, Quelle: wikipedia)

Heb dir dieses Brieferl bitte besonders gut auf. Damit wir bald einen Vergleich ziehen können. Zwischen meiner Froschzubereitungstheorie und der blauen Umsetzung.

Es könnte aber auch sein, dass dem rot-weiß-roten Frosch angesichts dieser Aussichten schon jetzt das Wasser zu heiß ist und er heraushüpft. Oh, das wäre aber schade.

Liebe Grüße,
Cousine Daniela

3 Antworten auf „#Brieferl No.188 – Ein Volk, eine Gesundheit, ein Frosch“

  1. Wenn, s nicht so gruselig wäre müsste ich lachen…. aber dieses Lachen bleibt mir im Hals stecken! Und ich hoffe wir ersicken nicht alle daran

  2. Leider sehr treffend.
    „Aber es ist ja so angenehm hier“ – wenn man sich die Umfragen ansieht.

    Anderer gruseliger Vergleich: Wunderschöne Aussicht, tiefer Abgrund.
    Für das schönste Selfie wagt man sich mutig immer weiter …
    Ganz plötzlich, meist sogar ohne Vorwarnung, bricht die sichere Ebene, und man kann seinen Fall nicht mehr aufhalten.

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