#Brieferl No.201 – Euer Geld für unsere Leut und das G‘impfte





Lieber Cousin Herbert,

es ist schon ein Jammer, nicht wahr? Diese Anpatzerei gegen die ÖVP will und will kein Ende nehmen. Alle scheinen sich nur noch dafür zu interessieren, woher das ganze Geld für den Wahlkampf 2017 kam. Dazu kommt jetzt auch noch, dass so manche Spender nach der Wahl einen hübschen Posten erhalten haben. Was freilich nichts miteinander zu tun haben wird. Die Leute, die da einen Zusammenhang wähnen, sind einfach nur als goaschtig zu bezeichnen.

Wobei ich dir persönlich schon gerne die Frage stellen möchte: warum genau hat dein Kabinett 48 Mitarbeiter gebraucht, wenn dein direkter Vorgänger Sobotka mit 26 und dessen Vorgängerin Mikl-Leitner mit 24 ausgekommen sind? Vom amtierenden Innenminister Peschorn, der aktuell auf 20 reduziert hat, wollen wir erst gar nicht anfangen!

Mich persönlich irritieren ja die sechs Fahrer am meisten. Du weißt schon, dass die kein Ersatz für lahme Polizeipferderln sein können, oder?

Kickls Kabinett: Doppelt so groß wie das seiner Vorgänger

Ich finde das grundsätzlich so toll, dass ausgerechnet die “soziale Heimatpartei“, die immer besonders gegen Postenschacher gewettert hat, offenbar am beherztesten zugegriffen hat. “Euer Geld für unsere Leute“ wäre ein guter Wahlslogan für den Herbst.

“Minister Kickls Mitarbeiter bezogen exorbitante Gehälter“

Aber nun muss ich dir von meiner Kandidatur bei den Grünen erzählen. Ui, da haben sich viele aufgeregt, weil ich doch eine etwas eigenwillige Rede gehalten habe. Wie kam es überhaupt dazu, dass ich mich bei den Grünen beworben hatte?

Nun, zum einen waren sie nicht die Einzigen, die mit einer solchen bedacht wurden. Meine andere Präferenz war zwar von meiner Bewerbung begeistert, jedoch kamen wir für ein wichtiges, persönliches Gespräch aus Termingründen nicht zusammen.
Für die Grünen sprach, neben dem Parteiprogramm, dass ich so viele Grüne kennengelernt hatte, die sich explizit vom Image der “Besserwisser- und Zeigefingerpartei“ distanzieren und sich selbst glaubwürdig in der Liga der “anderen Grünen“ wähnten. Da würde ich, so mein Gedanke, sehr gut dazu passen.

Noch vor meiner Bewerbung kam mir allerdings zu Ohren, dass die “Maurer-Fraktion“ gerade in Wien sehr stark wäre. Mit Sigi Maurer kann ich nicht. Das meine ich nicht persönlich, denn ich kenne sie nicht. Ich kann mit dem nicht, was sie repräsentiert. Vom Stinkefinger angefangen bis hin zu “Peter Pilz ist ein erbärmlicher Sexist“. Bei gleichzeitiger versuchter Stilisierung als Ikone gegen “Hass im Netz“.

Diese damalige Hetzerei gegen Peter Pilz hatte mich am Tag nach diesem geschmackvollen Posting bereits zu einem Schreiben inspiriert.

„In dubio pro reo“ gilt nicht, wenn es ums Schatzi geht

Dass das Verfahren gegen Peter Pilz dann eingestellt wurde, weißt du wahrscheinlich eh auch noch.

Am Tag der Bewerbung, zwei Stunden vor Ablauf der Deadline, habe ich mit meiner Vertrauensperson bei den Grünen telefoniert und erklärt, dass ich mich wegen der “Maurer-Fraktion“ nicht beteiligen möchte. Mir wurde glaubhaft versichert, dass es so viele gibt, die mit Sigi Maurer auch nicht glücklich seien, und deshalb meine Bewerbung umso wichtiger wäre. Also habe ich sie abgeschickt.

Dann war die Frage, wie ich meine Rede gestalten sollte. Ich hatte drei verschiedene Versionen. Alle sehr nett, alle sehr diplomatisch.

Dann bekam ich eine Nachricht via Twitter, weil ich eine Kritik an Sigi Maurer gelikt hatte.

Da ist mir wieder einmal das sprichwörtliche G‘impfte aufgegangen. Könnte es wirklich stimmen, dass ein Like bei höflich vorgetragener Kritik einen Listenplatz kosten kann?

Und dann habe ich mich erinnert, dass es bisher ein Brieferl gab, auf das ich die meisten Reaktionen erhalten habe. Nämlich das Brieferl No.151, in dem ich das fanatische Orten von Rassismus unter die Lupe genommen hatte. Im Anschluss daran bekam ich unzählige Nachrichten, in denen “Danke, dass endlich wer den Mund aufmacht“ oder “Danke für den Mut, sich gegen die linke, ruinöse Meinungsdiktatur einzusetzen“ geschrieben stand.

Nun habe ich mir folgendes überlegt: die Wahrscheinlichkeit, dass die grüne Basis doch nicht nur aus Leuten der “Maurer-Fraktion“ besteht, ist leider eher gering. Macht aber nix. Ich möchte lieber meiner Meinung darüber Luft machen, was die Grünen wohl daran hindern wird, zu der von Werner Kogler angestrebten “Volkspartei“ im Sinne eines möglichst breiten Angebots zu werden, als die x-te Rede mit “Warum die Klimafrage wichtig ist“ oder ähnlichem zu halten.

Also hielt ich folgende Rede:

“Servus! Ich möchte wirklich wirklich gerne mit und für die Grünen in den Nationalrat einziehen. Aber nicht um jeden Preis!
Ich bin keine Metoo Fanatikerin, die in jedem Kompliment Sexismus ortet.
Ich bin keine Rassismus-Schreierin, wenn jemand nett „woher bist du denn?“ fragt.
Ich bin keine, die auf jemanden herabschaut, weil er Schnitzel isst und mit dem Auto fährt.
Wenn euch das nicht gefällt – wählt mich nicht.
Wenn ihr der Ansicht seid, Erfahrung in der Politik wäre DAS Kriterium, wählt mich nicht.
Wenn ihr aber eine Stimme der Gemeinsamkeit und der Vernunft wollt, dann bin ich genau die Richtige.
Ich habe schon viel in meinem Leben gesehen. Viel Gutes und viel Schlechtes. Kein Wunder, ich werde nächsten Monat 49. Ich habe zwei Kinder, auch da erlebt man mehr, als man für möglich gehalten hätte. Ich habe mein Leben lang gearbeitet, manchmal nebenbei studiert. Im Alter von 37 mein BWL-Studium abgeschlossen, mit 47 Jus begonnen.
Und trotz allem, was ich gesehen und gelernt habe – oder aber gerade deshalb – weiß ich, wie wichtig es ist, vernünftig zu sein. Man begegnet seinen Hatern nicht mit dem Stinkefinger. So einen Blödsinn hätten Ikonen der Grünen Bewegung wie DDr. Günter Nenning oder Freda Meissner-Blau nie gemacht. Die hatten nämlich auch Herz UND Hirn. Und vor allem Erfolg!
Und wer heute Herz und Hirn sucht, ist bei mir genau richtig.
Wenn ihr jemanden wollt, der sich nicht scheut, auch unangenehme Wahrheiten auszusprechen, dann wählt mich.
Wenn ihr jemanden wollt, der sich gegen Ungerechtigkeiten jedweder Art stark macht, dann wählt mich.
Wenn ihr jemanden wollt, der versteht, wie Ökologie und Ökonomie zusammenhängen, dann wählt mich.
Dass die Brieferl an den rechten Cousin dann direkt aus dem Nationalrat kommen, ist nur das Sahnehäubchen.
Zurück zu den erfolgreichen Grünen! Vielen Dank!“

Dass ich damit keinen Listenplatz bekommen habe, war nicht wirklich erstaunlich. Aber ich habe lieber keinen Platz bei diesen Grünen, als einen, hinter dem ich nicht stehen kann.

Das Ergebnis mit Maurer auf Platz 3 (und damit faktisch fix wieder im Nationalrat) hat mich erschüttert. Ebenso wie die Tatsache, dass kein Einziger der oft höchst qualifizierten und enorm engagierten Mitbewerber, die keine interne Lobby hinter sich hatten, es auf einen Listenplatz geschafft hat.
Mein Eindruck war, dass es genau völlig egal war, wer welche Ideen einbrachte, wer was gesagt hatte. Sie wussten schon vorher, wen sie wollen und wen nicht.

Aber vielleicht ist das eben so in der Politik.

Variante 1: du machst von Jugend an mit und marschierst vor allem brav im Gleichschritt
Variante 2: du suchst dir ein Thema, mit dem du Sündenböcke und damit viele Fans und Follower generieren kannst (wenn du das aus “linker“ Perspektive betreibst, hast du sogar noch die “Moral“ auf deiner Seite)
Variante 3: du bist publikumswirksamer Quereinsteiger und deine neuen Parteifreunde wissen, dass du, einmal im Nationalrat angekommen, nicht allzu sehr auffallen wirst (so kommt mir das zumindest bei den türkisen Quereinsteigern vor)

Liebe Grüße,
Cousine Daniela

11 Antworten auf „#Brieferl No.201 – Euer Geld für unsere Leut und das G‘impfte“

  1. Liebe Daniela! Seien sie stolz darauf dass sie sich nicht verbogen haben!! Man muss sich selber treu bleiben, wenn man glaubhaft sein will! Trotzdem kann man den Grünen Gedanken leben und weitertragen! 👍👍👏👏👏❤️❤️Gerda

  2. Tja,… somit sieht man, dass es auch bei den Grünen nur darum geht irgendjemand zu „versorgen“. War aber spätestens seit der Aufnahme einer Sarah Wiener in die Liste zur EU-Wahl klar. Können musst nix, sympathisch musst auch nicht sein, usw. Schade um einen Werner Kogler.

    Zum lieben Cousin: Hat es wirklich überrascht, dass auch er sich zu allererst mal die eigenen Taschen voll macht und dann die seiner „Hawara“? Ich glaube, dass das ein grundlegender Wesenszug sein muss, um Regierungspolitiker sein zu können. Warum? Es machen nämlich ausnahmslos alle, die an irgendeinem Futtertrog sitzen, der mehr als nur ein Maul stopft. Wären Sie, liebe Cousine, nicht so aus „der Art geschlagen“, dann hätte der Herpferd schon ein „bissl was“ für Sie tun können 😉

    Kulinarische Grüße

    1. Liebe Daniela, ich finde es extrem schade, dass du nicht gewählt wurdest. Dennoch glaube ich, dass du mit deiner Arbeit doch einiges bewirken kannst. Vielleicht wär das politische Geschäft eh nicht so das Deine. Vielleicht könntest und dürftest du dann eh nicht mehr so frei von der Leber..
      Ich werde die Grünen trotzdem wählen und deine Brieferl, deine Blog weiterhin mit großer Begeisterung lesen

  3. Liebe Daniela Kickl, falls sich noch mehr Leute mit Herz und Hirn finden, könnten wir ja eine Partei gründen 🤗😜😄 LG Claudia Loitzenbauer , ich find mir auch keine🤔

  4. Liebe Daniela,
    deiner Rede kann ich nur zu 100% zustimmen – ich fürchte, dass es viele grüne Funktionäre noch immer nicht verstanden haben, warum diese Partei für immer mehr Menschen unwählbar geworden ist; nach diesem Einblick in das Sittenbild dieser Partei überlege ich es mir auch schwer, seit vielen Jahrzehnten wieder etwas anderes als „Grün“ zu wählen….

  5. Liebe Frau Kickl.
    Ich schätze ihre Briefe und deren pointierte Treffsicherheit sehr. Ich hatte mich über ihre Kandidatur bei den Grünen gefreut.
    Allerdings muss ich gestehen , ich hätte sie bei dieser Rede auch nicht gewählt.
    Im Grunde haben sie damit gesagt, seids nicht so empfindlich, ihr übertreibt mit eurer Gendersensibilität, mit eurer ernsthaften Auseinandersetzung damit, was Rassismus ist, mit einer seriösen Aufklärung darüber, dass zu viel Fleischkonsum unsere Lebensgrundlage zerstört und und und…..
    Alles wesentliche und wichtige Inhalte einer grünen Politik, die um die Grünen im NR vertreten zu wollen eigentlich vorausgesetzt werden müssen.
    Wie gesagt, Konsens in dieser Thematik ist schon einmal Grundvoraussetzung.
    Dennoch schätze ich ihre Briefe weiterhin, freue mich sie zu lesen und vielleicht denken sie ja noch einmal darüber nach…..
    Schade jedenfalls.

  6. Liebe DK,
    Das ist alles sehr schade. Ich hatte nämlich vor diesmal doch grün zu wählen, aber jetzt zweifle ich wieder …. Vielleicht dann doch den 🍄, der Macht wenigstens den Mund laut auf. Na ja es wird schwierig.
    LG

  7. Liebe Danela, ich finde es echt schade und denke, dass es ein Verlust ist.
    Aber der Idee einer Partei der AnTändigen mit Herz und Hirn und Kritikvermögen würde ich mich auch gerne anschliessen.

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