#Brieferl No.233 – Berufsberatung





Lieber Cousin Herbert,

ausnahmsweise stehe ich dir heute nicht mit Rat und Tat zur Seite, sondern ersuche dich um einen Tip. Gar nicht für mich, sondern für meine Kinder, also deine Neffen zweiten Grades. Es geht um deren zukünftigen Lebensweg. Um die Frage, wie sie es anlegen sollen. Ich habe einmal ein paar Varianten für dich zur Auswahl vorbereitet.

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Die Gutachter-Karriere

Liebe Kinder! Eine Karriere als Gutachter zahlt sich immer aus. Dafür braucht ihr auch nicht wahnsinnig viel zu können. Wichtig sind folgende Parameter:

1) die richtige Wortwahl bei den Studien
2) das ungefähre Gespür dafür, was sich der Auftraggeber als Ergebnis vorstellt
3) verlangt einen möglichst hohen Betrag für eure Leistungen. Je teurer etwas ist, desto wertvoller erscheint es. Als Richtwert könnt ihr 2.275 Euro pro Seite ansetzen.

Solltet ihr einen Auftrag für eine Studie erhalten und es fällt euch leider wieder einmal gar nix ein, dann nehmt einfach einen vorhandenen Text und ersetzt ein paar Worte, damit es nicht gar so auffällt. Auch durch geschickten Wortetausch könnt ihr die gesamte die Stimmung des Textes im Sinne eures Auftraggebers positiv beeinflussen. Ersetzt beispielsweise “nationalistisch“ durch “patriotisch“ und schon sind alle glücklich.

Die Peter-Prinzip-Karriere

Liebe Kinder! Es ist ziemlich egal, was ihr in einem zukünftigen Job macht. Auch ist es nebensächlich, ob ihr eure Aufgaben erfolgreich erledigt oder nicht. Wichtig ist, dass ihr euch schon in jungen Jahren für einen Job entscheidet und den dann einfach macht.

Dem Peter-Prinzip folgend, werdet ihr ohnehin bis zu eurer persönlichen Stufe der Unfähigkeit aufsteigen.

“Wer sich auf seinem Arbeitsplatz bewährt, wird demnach so lange befördert, bis er eine Stelle bekommt, für die er ungeeignet ist“

Dieses Prinzip lässt sich sogar noch erweitern: Ihr könnt sogar in der letzten Position den Erwartungen nicht entsprechen und dennoch befördert werden. Wichtig ist einzig, am Ball zu bleiben!

Solltet ihr in eine derartige “maximal ungeeignet“ – Position kommen und dann dennoch rausfliegen, so macht das auch nix.

Ihr tut erstens einfach so, als ob das eh wurscht wäre.
Zweitens schiebt ihr den schwarzen Peter denen zu, die euch rausgeschmissen haben.
Und drittens lasst ihr für euch beten, tut immer auf lieb und freundlich und erzählt tolle Geschichten. Die Geschichten müssen aber so gewählt sein, dass sich die Leute freuen können und gar nicht auf die Idee kommen, dass da im Endeffekt ein dicker fetter Haken dran ist.

So erzählt ihr beispielsweise, dass ihr die Steuern senken wollt. Ihr werdet sehen, das zieht total! Dass weniger Steuern weniger Einnahmen für den Staat bedeuten und die Leute dann das ganze schöne Mehr-Geldi für Dinge ausgeben müssen, die zuvor staatlich abgesichert waren, ist völlig egal.
Wichtig bei dieser Vorgehensweise ist jedenfalls die schicke Frisur! Je gelackter ihr wirkt, desto mehr freuen sich eure Fans!

Die “Ich mach einfach“-Karriere

Liebe Kinder! Ihr stellt euch sicherlich die grundsätzliche Frage, was ihr nach der Schule machen sollt, richtig? Studieren vielleicht? Ja, ich weiß, Bildung ist was schönes. Nicht nur, weil man für die Gesellschaft nützlicher ist, sondern auch weil Wissen eine gewisse persönliche Zufriedenheit generiert. Wer will doch schon gerne ahnungslos durch die Welt laufen? Ah, ja, doch, da gibt es schon Möglichkeiten!

Variante 1

Ihr studiert plan- und ziellos herum und bemerkt, dass es Zeit fürs Geldverdienen wird. Ihr wisst, dass ihr “nix könnt, aber ihr könnt alles lernen“. So findet ihr euren ersten Job.

Ihr dürft euch nix antun und müsst alles vergessen, was ich euch über gute Manieren beigebracht habe. Nehmt einfach den erstbesten Strohhalm auf und kreiert daraus lustige, g‘schmackige Sprücherl. Das kann von „Wie kann einer, der Ariel heißt, so viel Dreck am Stecken haben“ über “Daham statt Islam“ bis hin zum “Schlag aufs Hosentürl“ reichen. Glaubt mir, die Fans werden euch dafür lieben!

Variante 2

Wieder studiert ihr herum. Ihr konzentriert euch aber nicht aufs Studium, weil das bringt eh nix. Ihr geht stattdessen lieber zur ÖH und engagiert euch dort. Ihr stellt andere Menschen an den medialen Pranger, was zwar nichts mit Recht oder gar Gerechtigkeit zu tun hat, aber das macht euch nix.
Auch in dieser Variante verwendet ihr markige Sprücherl, geht auf die “alten weißen Männer“ los und erfreut euch daran, dass die eh “nimmer lange leben“.

Solltet ihr aus eurer gut dotierten Position entfernt werden, dann zeigt einfach den Stinkefinger. Ja, ich weiß, auch da habe ich euch gesagt, dass man das nicht tut. Aber glaubt mir wieder, die Fans werden euch dafür lieben!

Solltet ihr grausliche, unterirdische Nachrichten bekommen, dann nutzt jedenfalls eure Bekanntheit und publiziert diese Nachrichten, und zwar unbedingt mit dem Namen des potentiellen Verfassers!

Solche Leute werden und dürfen nicht anonym bleiben! Ob ihr damit vielleicht die Existenz dieses Menschen nachhaltig beschädigt oder gar ruiniert, darf in euren Überlegungen keine Rolle spielen. Denn die Fans werden euch dafür lieben! Und ihr werdet wieder eine schicke, gut dotierte Position erheischen.

Die eierlegende Wollmilchsau – Karriere

Liebe Kinder! Es gibt auch die Möglichkeit, erst gar nicht auf die Uni zu gehen, sondern einfach gleich drauf los zu arbeiten. Ob ihr unbedingt Model werden wollt, weiß ich nicht. Jedenfalls kann es nicht schaden, wenn ihr euch mal hier, mal da einbringt und beispielsweise Pressesprecher von jemanden werdet, der als ehemaliger Präsident der österreichischen Fußball-Bundesliga gute Connections zum runden Leder hat.

Es könnte sogar passieren, dass ihr dank eures Ausnahmetalents im Laufe der Jahre zum Geschäftsführer zweier Immobilienfirmen und einer Vermögensberatung avanciert. Gesellschafter natürlich auch, aber das liegt eh auf der Hand.

Die Firmen, für die ihr dann tätig seid, sind lustigerweise in einer paradiesischen GmbH zusammengefasst, für die fast ausschließlich Leute aus dem Umfeld des runden Leders tätig sind. Da reicht es auch schon, wenn der Papa mal Kicker war.

Inspiriert vom Walhai und dem Glücksmoment, einen geeigneten Gespons gefunden zu haben, könnt ihr es dann sogar zum Tierschutzbeauftragen bringen, was freilich nur ehrenamtlich erledigt wird. Das geht locker, weil die Nebentätigkeit als Social Media Beauftragter ohnehin superst dotiert ist.

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Was meinst du nun zu meiner Auswahl, Herbie? Welche Karriere sollten deine Neffen am ehesten ins Auge fassen?

Vielen herzlichen Dank schon jetzt für deine Unterstützung und …

Liebe Grüße,
Cousine Daniela




3 Antworten auf „#Brieferl No.233 – Berufsberatung“

  1. Absolut treffend! Deine Ratschläge hätte ich persönlich gern vor cirka 40 Jahren zu meinem Einstieg ins Berufsleben brauchen können, aber leider…….

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