#Brieferl No.323 – Das Sommergespräch & ein Diffamierungsvokabel




Lieber Cousin Herbert,
mit großer Spannung und auch gewisser Vorfreude hatte ich wochenlang auf deinen Auftritt im ORF-Sommergespräch 2021 gewartet und gestern war es dann endlich so weit!

Fesch warst du in deinem dunkelblauen Anzug mit weißem Hemd und roter Krawatte. Deine Stimme allerdings hat mir ein wenig Sorgen bereitet. Bist du verkühlt? Oder hast du zu viel gesprochen und deine Stimme macht langsam nimmer mit?

Nun sind wir beide trotz teilweise gleichen Genmaterials bekanntlich nicht die allerbesten Freunde. Was mich nicht davon abhält, auch für dich in die Presche zu springen, wenn es mir notwendig erscheint.

Weil es nichts mit dir als Person oder Politiker zu tun hat, sondern mit dem Großen Ganzen, dem grundsätzlich Richtig oder Falsch. Und das wirst du als jemand, der sich für die Philosophie genauso begeistert wie ich, sicherlich verstehen.

ZIB2 versus Sommergespräch

Aufgrund des zeitlichen Unterschieds (bei mir in Irland ist es eine Stunde früher) sehe ich die Sommergespräche niemals live, sondern schau zuerst immer die ZIB2 und erst danach das Interview.

Abgesehen von der schrecklichen Location und den letztlich faden Fragen, die überhaupt keinen Tiefgang zulassen, ist das Spannende an dieser Vorgehensweise, dass ich auf die in der ZIB2 gezeigten Ausschnitte regelrecht geiere. So war es bei der Beate Meinl-Reisinger und beim Werner Kogler und eben auch bei dir.

Auf Twitter konnte ich bereits lesen, was für ein Depp du denn wärst, weil du die ÖVP für links hältst. In der ZIB2 hat dich Armin Wolf lakonisch mit

„Einen Linksschwenk in der ÖVP unter Sebastian Kurz, den haben bisher nur wenige Menschen gesehen“

bedacht.

Peter Filzmaier hat darauf geantwortet:

„Es ist schon auch ideengeschichtlich kreativ, die ÖVP und auch in der jetzigen Form als links anzusehen. Es ist am Rande der Persönlichkeitsspaltung, das Verhältnis zur ÖVP.“

Die Lust an der Empörung

Wie gesagt, ich habe wie ein Geier darauf gewartet, diese Stelle im Sommergespräch zu sehen. Weil man regt sich doch gerne über Blödheiten auf, besonders wenn sie von dir kommen.
Leider wurde ich diesbezüglich enttäuscht.

Denn du hast – zu meinem Erstaunen ob des Schnittes im ORF – ganz am Schluss das Wort „gesellschaftspolitisch“ angehängt.

Gut, man könnte oberflächlicher Weise sagen, dieses eine Wort ist völlig irrelevant. Ich halte das für unrichtig. Hätte man es nämlich drinnen lassen, wäre der Wolfsche Kommentar

„Einen Linksschwenk in der ÖVP unter Sebastian Kurz, den haben bisher nur wenige Menschen gesehen“

so nicht möglich gewesen, denn er hätte ja das Gesagte dann teilweise nachweislich ignorieren müssen.

Es wäre, wenn man seriös kommentiert hätte, auf die Frage hinausgelaufen, ob die ÖVP gesellschaftspolitisch tatsächlich links ist (was möglicherweise dem Einfluss der Grünen oder der Erkundung neuer Wählerschichten geschuldet ist).
Oder man hätte sich darüber amüsieren können, dass du die ÖVP eben für gesellschaftspolitisch links hältst. Das wäre aber wohl nur halb so lustig gewesen.

Ein generelles Abkanzeln der Aussage wäre jedenfalls nicht gegangen. Nicht auf seriösem Niveau.

Dass mir Armin Wolf freundlicherweise, wenngleich pampert wie immer, wenn man es wagt, ihn und/oder seine Sendung zu kritisieren, geantwortet hat, möchte ich dir auch noch erzählen. Als Beispiel dieser Ausschnitt:

Wenn du dir ein Gesamtbild machen möchtest, dann bitte hier.

Der Faktencheck

Interessant finde ich, so gesellschaftspolitisch betrachtet, dass es am Standard nach deinem Sommergespräch einen „Faktencheck“ gab. Es gab übrigens einen solchen nicht nach Meinl-Reisinger oder Kogler.

Man bezog sich beispielsweise auf deine Behauptung

„Wir haben es mit einer etwas anderen Art der Impfung zu tun“

und argumentierte wie folgt:

„Dass vor den Covid-19-Vakzinen noch kein anderer mRNA-Impfstoff eine Phase-3-Studie durchlaufen hat, hat vor allem finanzielle Gründe: Klinische Phase-3-Studien, in denen der Impfstoff an mehreren tausend Menschen getestet wird, kosten oft mehrere 100 Millionen Euro. Dank großzügiger staatlicher Förderungen war dieser Schritt bei der Covid-Impfung kein Problem.“

So weit, so plausibel. Blöd nur, dass das so nicht stimmt.

„According to a study by Mazzucato and economist Bill Lazonick, between 2003 and 2013 publicly listed companies in the S&P 500 index used more than half of their earnings to buy back their shares to boost stock prices, rather than reinvesting it back into further research and development. Pharmaceutical company Pfizer, for example, spent $139bn (£112bn) on share buybacks.“

Surprise! Pfizer hat also lieber 139 Milliarden Dollar in die wundersame Geldvermehrung, auch bekannt als Aktienmarkt, investiert, als mit einem Teil dieser Summe Forschung und Entwicklung voranzutreiben.

Mariana Mazzucato, der wir diese Erkenntnis zu verdanken haben, ist übrigens Wirtschaftswissenschaftlerin und zudem Professorin für Economics of Innovation and Public Value am University College London. Ich sag’s nur dazu, falls jemand Zweifel an der Seriosität meiner Quelle hegen möchte.

Conclusio

Wir leben, lass es uns ruhig ehrlich aussprechen, in einer beschissenen Zeit. Kein Tag vergeht, an dem wir nicht mit Hiobsbotschaften über Corona oder den Klimawandel bombardiert werden.

Und kein Einziger, so zumindest mein Gefühl, sagt uns ehrlich, was Sache ist. Oder hat einen Plan, der diese Bezeichnung wert ist. Jeder verfolgt seine Agenda, mit der er sich entweder wo einschmeicheln will oder seine (Macht)Position erhalten oder ausbauen will.

Die Grünen wollen uns weismachen, dass uns ein paar regionale Maßnahmen und eine CO2-Steuer vor höheren Temperaturen bewahren werden.

Die SPÖ scheint im Dauertiefschlaf und in sich unschlüssig, wie die ungewohnte Oppositionsrolle angelegt werden soll.

Die FPÖ übt sich dank dir in Fundamentalopposition. Die ich an ein paar Stellen inhaltlich sogar recht gut fände, wüsste ich nicht, dass sie einzig der Position in der Opposition geschuldet ist. Wärst du heute noch Innenminister, du hättest womöglich die Polizeistationen zum Zwangsimpfen vergattert. Man weiß es nicht.

Die ÖVP spricht mit ihrem neoliberalen und menschenverachtenden Kurs ohnehin für sich selbst.
Ach ja, da fällt mir: sogar DU hast im Sommergespräch gemeint, dass man der afghanischen Botschafterin in Österreich Asyl gewähren sollte. DAS wurde freilich nicht groß publiziert.

Womit wir schon bei der Rolle der Medien sind.

Wenn ein Doktor der Politikwissenschaft den Unterschied zwischen gesellschaftspolitischer und grundsätzlich politischer Ausrichtung nicht zu kennen vorgibt und zudem als Journalist die Bedeutung von Worten negiert, dann darf ich mich sehr wundern und erspare mir an dieser Stelle weitere Kommentare.
Wenn eine renommierte Tageszeitung das G’schichtl von den armen Pharmafirmen druckt, muss ich mich ebenfalls sehr wundern.

Das eine Wort, das jeden Kritiker zum Deppen macht

Wenn eine Meinung oder auch eine Kritik nicht genehm ist, kann sie heutzutage locker mit dem sozial anerkannten Diffamierungsvokabel „Verschwörungstheoretiker“ zunichte gemacht und der Kritiker damit in das Eck der Deppen gestellt werden.

Es liegt an uns allen, ein bisserl aufmerksamer zu sein, als wir es vielleicht früher waren.
Auch liegt es an uns selbst, zu einem differenzierteren Denken zu finden und nicht alles, was man uns serviert (egal von welcher Seite), als allein selig machende einzige wahre Wahrheit hinzunehmen.

Und nicht zuletzt liegt es an uns selbst, ein bisschen entspannter mit anderen Ansichten umzugehen. Das ist vielleicht überhaupt das Allerwichtigste. Denn die Profiteure einer gesellschaftlichen Spaltung geiern bereits. Wie ich auf das Sommergespräch mit Pamela Rendi-Wagner am nächsten Montag.

Das alles sage ich als Geimpfte auch zu dir ungeimpften Cousin!

Liebe Grüße,
Cousine Daniela



2 Antworten auf „#Brieferl No.323 – Das Sommergespräch & ein Diffamierungsvokabel“

  1. Mittlerweile ist es doch auch so, dass sich ein Armin Wolf seine Twitter-Bubble schafft indem er alles und jeden blockiert, der an seinem Rockstarstatus kratzt bzw unangenehme Fragen stellt.

    Was mir gänzlich zu wider ist, ist dieses selbstgefällige Grinsen von ihm und dem verächtlichen Tonus des Filzmaiers. Egal um wen es geht: professionell und respektvoll sieht anders aus.

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