Haus der Verantwortung

Unlängst wurde ich gebeten, meine Stellungnahme zum Geburtshaus von Adolf Hitler abzugeben, das zum „Haus der Verantwortung“ gemacht werden soll.

Als interessant und traurig zugleich empfinde ich, dass der Fragende zwar sehr institent auf meine Beantwortung gedrängt, jedoch diese dann seinerseits nicht mehr beantwortet hat. Vielleicht war meine Antwort nicht die, die er lesen wollte …

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Sehr geehrter Herr,

ich danke Ihnen für die Ehre, diese schwierige Frage auch beantworten zu dürfen. Ich musste erst in Ruhe darüber nachdenken, weshalb ich erst jetzt antworte. Hier meine persönliche Ansicht.

Die Idee vom „Haus der Verantwortung“ gefällt mir gut, die der „Stadt der Verantwortung“ nicht. Eine Stadt und damit deren Bewohner, die wirklich nichts dafür können, verantwortlich zu machen, sie Verantwortung tragen zu lassen, kann zu einer Last werden. Diese Last kann ins Gegenteil umschlagen, nämlich dass man entweder von der ganzen Angelegenheit gar nix mehr hören will oder noch schlimmer, nach dem Motto „wenn mich schon alle für einen Nazi halten, dann kann ich auch gleich einer sein“,
Man darf Menschen nicht beladen mit etwas, wofür sie nichts können. Weder in der einen noch in der anderen Richtung.

Beim Abendessen habe ich meinen 15-jährigen Sohn, der Adolf Hitler mit den Eckpunkten natürlich kennt, gefragt, was er denn tun würde, wenn er in Braunau spazieren ginge und plötzlich vor dem Geburtshaus stünde. Er hat gemeint: ich würde hineingehen und herausfinden wollen, wie er zu solch einem Monster geworden ist.

Das mit dem Monster ist freilich relativ und gehört auch relativiert. Denn selbst wenn, was freilich fraglich ist, Hitler all seine Ideen zu einem Zeitpunkt ohne Nährboden gehabt hätte, wären diese bloß Wahn geblieben.
Ich könnte mir eine Dauerausstellung gut vorstellen, die eben den persönlichen Werdegang Hitlers in Kombination mit den äußeren Umständen darstellt. Das alles sollte gemixt sein mit dem Bewusstsein, dass er eben genau nicht das personifizierte Böse, sondern alles nur deshalb möglich war, weil es Abertausende freiwillige wie unfreiwillige Helfer gab.

Das Bewusstsein, dass eine Maschine nur dann funktioniert, wenn jedes Rädchen funktioniert, ist mAn das Wichtigste. Auch dass man unfreiwillig zum Rädchen werden kann, in dem man einfach nur mitmacht.

Ich habe in meinen Brieferln schon des Öfteren aus dem Film „I wie Ikarus“ zitiert, in dem das Milgram-Experiment dargestellt wird. Der Beobachter fragt den Versuchsleiter:

„Aber, nehmen Sie den Fall eines Völkermordes. Da beschließt ein eiskalter Diktator, fünf, sechs Millionen Männer, Frauen und Kinder umbringen zu lassen. Dafür braucht er doch mindestens eine Million Komplizen, Mörder und Henker. Wie macht er das, dass man ihm gehorcht?“

Die Antwort:

„Indem er die Verantwortung auf viele Leute verteilt. Ein Diktator braucht einen funktionierenden Staatsapparat. Das heißt, er braucht Millionen von kleinen Funktionären, von denen jeder eine anscheinend unbedeutende Aufgabe wahrzunehmen hat. Und jeder von ihnen wird diese Aufgabe ausführen. Mit Kompetenz und ohne Bedenken.
Und niemand wird sich klar machen, dass er der millionste Teil eines grausamen Verbrechens ist. Die einen werden die Opfer verhaften, sie haben nur den Befehl ausgeführt, jemanden festzunehmen. Andere verantworten den Transport in die Lager. Und dabei haben sie nur ihren Beruf als Lokomotivführer ausgeübt. Und der Lagerkommandant, der das Tor hinter den Opfern zuschlägt, meint er tut seine Pflicht wie ein gewöhnlicher Gefängnisdirektor. Natürlich werden die Mörder und Henker am Ende der Kette besonders ausgesucht. Aber den einzelnen Gliedern der Kette macht man den Gehorsam so leicht wie möglich.“

Wenn es gelingt, dafür Bewusstsein zu schaffen und in weiterer Folge auch den Mut, sich aus der Rolle des Rädchens zu verabschieden, dann hätten wir alle gewonnen. Nicht nur, was Faschismus angeht.

Herzliche Grüße,
Daniela Kickl

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4 Replies to “Haus der Verantwortung”

  1. Vorauseilenden Gehorsam gibt es noch öfters als man glaubt…
    Na ich weiß nicht ob das erlaubt ist, so geht das aber nicht. Suchen a mal an.
    So mancher, hätte auch als Blockwart Karriere gemacht…

  2. Geanau diese Worte gehören im Bewusstsein unserer Kinder verankert. Dieses Statement sollte Pflichtlektüre in einem Ethikunterricht sein, der längst überfällig ist.
    Danke für diese Worte.

  3. Die Worte des Sohnes finde ich sehr interessant und ermutigend, wenn auch eine gewisse Vorverurteilung enthalten ist (die geschlichen nicht Abrede gestellt werden kann, will er jedenfalls wissen, wie es dazu kommen könnte!
    Es Verstehen!!!

  4. Die Worte des Sohnes finde ich sehr interessant und ermutigend, wenn auch eine gewisse Vorverurteilung enthalten ist (die geschichtlich nicht in Abrede gestellt werden kann), will er jedenfalls wissen, wie es dazu kommen könnte!
    Es Verstehen!!!

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