#Brieferl No.100 – Die Route nach Schasklappersdorf

Lieber Cousin Herbert,

zur Feier unseres 100. Brieferls habe ich mir gedacht, wir besprechen heute Grundsätzliches, was die Routenplanung nach Schasklappersdorf an der Banane betrifft. Sonst bin ich ja, was Routenschließungen betrifft, neuerdings ein wenig skeptisch. Die Schließung der Route nach Schasklappersdorf erscheint jedoch mehr als nur erstrebenswert.

Bevor ich dir allerdings meinen Plan zur Routenschließung präsentieren kann, müssen wir uns anschauen, warum und wieso wir uns überhaupt auf dieser Route befinden.

1) Warum wurde die Route nach Schasklappersdorf an der Banane überhaupt angefangen?

Du erinnerst dich vielleicht an das Brieferl No.69, in dem ich dir das mir zugespielte “Original-Rezept für den Schasklappersdorfer Reichenauflauf“ präsentieren konnte.

Neben der Zutaten und Zubereitung ist es wichtig zu wissen, wann der Reichenauflauf zuzubereiten ist.

Der Schasklappersdorfer Reichenauflauf ist dann zu genießen,
wenn sich die Minderheit der Reichen ihres Reichtums
nicht mehr dauerhaft sicher sein kann.

2) Wie erhalten Basti & Bumsti die Route aufrecht?

Im Brieferl No. 74 bin ich für dich der Frage nachgegangen, warum Basti & Bumsti gar so sehr einen auf “harmonisch“ machen. Dabei hatte ich mich auf den Film “I wie Ikarus“ und daraus im Speziellen auf das dargestellte Milgram-Experiment bezogen.

Basti und Bumsti agieren, als könnte kein noch so sprudeliger Champagner, kein noch so verstaubtes Liederbuch, kein noch so satirisches Posting einen Keil zwischen die beiden treiben.

Eine Erklärung für diese zwanghafte Harmonie war folgende:

Wenn sich die Spitze eines hierarchischen Systems nicht mehr in Übereinstimmung befindet, wenn die Autoritäten sich streiten, gibt es keinen unbedingten Gehorsam mehr.

3) Warum latschen noch immer so viele auf der Route mit?

Nicht nur der (inzwischen gram-)geneigte Türkis-Wähler, sondern noch mehr der geschasste Blau-Wähler findet sich in kognitiver Dissonanz geknebelt im sozialen Stockholmsyndrom.

Falls du nicht genau weißt, was es mit der kognitiven Dissonanz auf sich hat, habe ich sie für dich zusammengeschrieben.

Stell dir vor, du hast über die letzten drei Jahre fleißig gespart, du hast auf Urlaube und abendliche Restaurantbesuche verzichtet, mit dem einen Ziel, dem du alles unterwirfst: ein niegelnagelneues Auto soll angeschafft werden.
Du hast nicht nur gespart, du hast auch viele Fachzeitschriften gewälzt, du hast dich mit deinen Freunden und der Familie beraten, um die richtige Marke, das richtige Modell auszuwählen. Du hast dir wirklich Mühe gegeben, denn schließlich handelt es sich nicht um die Wahl der Brotsorte, die Grundlage für dein morgendliches Sandwich bildet. Es war wirklich eine schwere Entscheidung, die mit Entbehrungen und Aneignung von Wissen einher ging.

Der große Tag ist gekommen und du machst dich auf, um deine Neuerwerbung abzuholen. Freudestrahlend und stolz besteigst du dein Gefährt und kutschierst damit erst einmal ein wenig durch die Stadt, bevor du nach Hause fährst. Schließlich macht ja jede Neuerwerbung nur halb so viel Spaß, wenn sie nicht auch von anderen bewundert werden kann.
Du stehst bei einer roten Ampel, das Fenster ist geöffnet und plötzlich erblickst du deinen Nachbarn am Gehsteig.
Er lacht zu dir hinüber, winkt kurz und ruft „Das ist jetzt aber nicht Ihr Ernst, oder? So eine Kiste haben Sie sich angeschafft? Da habe ich erst gestern in der Autofachzeitschrift ganz schreckliche Dinge gelesen. Na ja, jeder wie er meint!“ Die Ampel schaltet auf grün und du musst los.

„Ach der, der hat doch keine Ahnung, der hatte noch nie von irgendwas Ahnung“ ist der erste Gedanke, der dir unweigerlich in den Sinn kommt. Es kann faktisch nur an der Person des Nachbarn selbst liegen, dass du plötzlich nicht mehr ganz so gut gelaunt bist. Denn du hast doch wirklich alles Menschenmögliche getan, um deine Entscheidung bestmöglich zu fällen. Sicherheitshalber blätterst du zu Hause sofort die besagte Fachzeitschrift durch, nur um dich zu vergewissern, dass der Nachbar wirklich Unsinn geredet hat. Vermutlich war er ja nur neidisch.
Du musst jedoch feststellen, dass der Nachbar recht hatte. Dein schönes neues Auto wird tatsächlich von der Kritik zerrissen. Jetzt fällt dir plötzlich ein, dass genau diese Zeitschrift auch nicht das Gelbe vom Ei ist, die haben sich schon oft geirrt. Ja, genau so ist es! Du lässt dir dein neues Auto nicht madig machen. Weder vom neidischen Nachbarn noch von dem inkompetenten Journalisten dieses Schmierblatts, das sich Fachzeitschrift schimpft. Eines ist klar: Du hast die richtige Entscheidung getroffen, die anderen haben Unrecht.

Wir alle haben diese oder ähnliche Situationen schon erlebt. Vielleicht war es auch nicht die große Investition in Form eines Neuwagens, vielleicht war es ein neues Kleid oder die neue Stereoanlage. Vielleicht war im vorangegangen Beispiel der Nachbar wirklich nur neidisch und wollte dir bewusst den Tag vermiesen. Vielleicht war der Artikel in der Fachzeitschrift wirklich nicht akkurat recherchiert und dein Auto ist in Wahrheit viel besser. Dies ist allerdings nebensächlich. Die Reaktion, die dir als Autokäufer in dem Beispiel unterstellt wird, ist eine völlig normale. Die menschliche Psyche ist darauf ausgelegt, das eigene Wohlbefinden wieder herzustellen, das durch den Nachbarn und die Fachzeitschrift ins Wanken geraten ist.

Der psychologische Ausdruck für dieses Phänomen ist die kognitive Dissonanz.
Sie entsteht, wenn die Gefühle (Stolz und Freude über das neue Auto), die wir auf Grund von Entscheidungen (Sparsamkeit, Wälzen von Fachliteratur) entwickelt haben, durch andere Erfahrungen (Kommentar des Nachbarn, Artikel in der Autozeitschrift) ins Wanken gebracht werden. Um die Balance unserer Gefühle wieder herzustellen, gibt es verschiedene Strategien. Eine davon ist, die neuen Informationen als falsch darzustellen, entsprechend abzuwerten oder gar zu verleugnen. Diese Strategie bezieht sich nicht nur auf die Information selbst, sie schließt auch den Überbringer der Information mit ein. (Das kommt uns übrigens im Zusammenhang mit “Fake News“ ziemlich bekannt vor, nicht wahr?)

Im vorangegangen Beispiel ist es die Diffamierung des skeptischen Nachbarn, „der noch nie wirklich klug war und mit Sicherheit nur neidisch ist. Eine sehr unschöne Eigenschaft ist das, der Neid. Insofern disqualifiziert sich der Nachbar gleich selbst.“

Du liest wieder einmal eine Tageszeitung. Meistens liest du die Zeitung gar nicht, weil du dich nicht mit Dingen belasten willst, die du ohnehin nicht ändern kannst. Die Rubrik Außenpolitik ist durchwachsen mit Kriegswirren in Syrien, Hungersnöten in Afrika und manch skurrilen Aussagen des amtierenden US Präsidenten. Letzteres ist wenigstens im Ansatz irgendwie lustig, aber eigentlich doch nicht. Das ist alles unschön und noch mehr liegt es nicht an dir, da auch nur irgendwas dagegen zu können. Sport- und Gesellschaftsteil sind im wesentlichen amüsant, die Innenpolitik durchwachsen.

Einerseits findest du Nachrichten darüber, wie gut es doch nicht allen geht. Dass es uns faktisch nie besser ging und nur ein paar Kleinigkeiten adaptiert werden müssen. Ganz beiläufig, beinahe versteckt, findest du einen kurzen Bericht darüber, dass sich viele deiner Landsleute die Heizkosten im Winter kaum oder gar nicht mehr leisten können. Du findest eine kurze Abhandlung darüber, dass es Menschen in deinem Land gibt, die einer geregelten Arbeit nachgehen, für 40 oder mehr Stunden pro Woche und die dennoch kaum leben können. Weil das Gehalt, das sie für ihre Schufterei bekommen, so gering ist und es sich mit diesen hohen Lebenshaltungskosten gerade einmal ausgeht, zu überleben.

Es sind freilich nur Menschen betroffen, deren Arbeit als geringwertig angesehen wird und daher auch nur gering bezahlt wird. Außerdem ist schon jeder selbst schuld daran, wenn er oder sie keinen anständig bezahlten Beruf erlernt hat und braucht sich deshalb auch nicht zu wundern, wenn er dafür nicht viel Geld bekommt. Und außerdem betrifft es dich ja nicht. Du hast deine Schäfchen soweit ins Trockene gebracht. Du verdienst recht gut, zumindest gut genug, um eine angenehme Wohnung zu haben und hie und da auf Urlaub fahren zu können. Mit deinem Job bist du mäßig zufrieden, man darf sich ja auch nicht zu viel erwarten vom Leben. Hauptsache ist, der Job ist halbwegs sicher und das Gehalt stimmt. Du hast es jedenfalls geschafft. Du tust, was zu tun ist.

Und eines ist sicher: Du wirst niemals und unter keinen Umständen zu irgendeiner der Gruppen gehören, die in der Zeitung erwähnt werden. Du wirst dir immer die Heizkosten leisten können und du wirst immer genug verdienen, um dir ein anständiges Leben leisten zu können. Denn du hast eine ordentliche Ausbildung und wenn nicht, dann hast du es zumindest geschafft, einen anständigen, (halbwegs) gut dotierten Arbeitsplatz zu haben. Den hältst du auch durch und kündigst nicht, wie all jene Versager, die ihren Job nicht mehr ertragen können oder wollen. Diejenigen, die das alles nicht haben, sind selbst schuld. Und wer weiß, ob das alles überhaupt so stimmt. Vielleicht hat da wieder einmal ein Journalist nicht richtig recherchiert oder gar wegen seiner ultralinken Gesinnung etwas aufgebauscht, was in Wahrheit ganz anders ist. Jeder ist selbst seines Glückes Schmied.

Diejenigen, die wirklich betroffen sind, schämen sich. Sie schämen sich, weil sie vermeintliche Versager sind. Weil sie es in dem System nicht ordnungsgemäß geschafft haben. Sie schreien nicht auf, sie beschweren sich nicht. Wie könnten sie auch, denn sie sind doch selbst schuld. Sie selbst sind die Versager und haben daher auch kein Recht sich zu beklagen.

Die Mehrheit unserer Mitmenschen (re)agiert wie eben beschrieben. Nicht aus Bosheit, nicht aus Desinteresse, sondern um sich selbst zu schützen. Um sich selbst eine Realität zu schaffen, die das schier Unfassbare ausblendet. Denn wenn wir uns der Schrecklichkeiten unseres kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem wirklich bewusst würden, so müssten wir wohl alle verzweifeln. Wir müssten uns fragen, wie es sein kann, dass es Menschen im zivilisierten wie hoch entwickelten Europa gibt, die frieren, die ihre Kinder in ein SOS Kinderdorf geben müssen, weil sie nicht mehr für deren Nahrung und Kleidung aufkommen können, die nicht genug Geld haben um auch nur ein annähernd würdevolles Leben führen zu können.

Das Konzept dahinter ist das gleiche wie bei dem von anderen vermiesten Autokauf. Wir alle richten uns die Realität so ein, dass sie unser persönliches, subjektives Leid auf ein Minimum reduziert. Wir verleugnen die unbequemen Teile, finden ganz im Gegenteil sogar in den Opfern noch die Schuldigen.

Zur kognitiven Dissonanz kommt noch das “soziale Stockholmsyndrom“, das wir bereits im Brieferl No.24 besprochen hatten.

4) Wie kann die Route nach Schasklappersdorf geschlossen werden?

Das Depperte an der kognitiven Dissonanz ist, dass kein Mensch gerne als Idiot dasteht. KEINER! Da biegen wir uns selber lieber die Realität zurecht und lassen uns aufhussen und aufhetzen, anstatt uns einzugestehen, dass wir einen Fehler gemacht zu haben. Dabei macht jeder Fehler. JEDER!

Die große Kunst des Lebens ist es nicht, keine Fehler zu machen. Das funktioniert eh nicht. Die Kunst ist es, aus den Fehlern zu lernen.

Die blauen Nebelgranaten, geworfen von Bumsti höchstpersönlich sowie seinen Gefolgsleuten Vilimsky, Waldhäusl, Gudenus etc., tragen das ihre dazu bei, von der Reise nach Schasklappersdorf abzulenken. Permanent wird über jede noch so kleine Blödheit berichtet, um von den wahren Schandtaten dieser Regierung abzulenken.

Aber genau hier kann und sollte man ansetzen. Immer und immer wieder daran erinnern, wohin die Reise in Wahrheit geht. Nichts darf in Vergessenheit geraten.

Dieser unselige Status Quo darf in unserem Bewusstsein niemals als „normal“ empfunden werden, das Handeln dieser Regierung nicht einem kommunalen, vergebenden Vergessen anheimfallen!

Deshalb werde ich dir weiterhin Brieferln schreiben. Und zur Feier des Tages habe ich dir auch die brandaktuelle BBHF beigelegt. Damit wir nix vergessen!

Viele Freude mit der Hall of Fame und den weiteren Brieferln!

Liebe Grüße,
Cousine Daniela

P.S.: #BBHF als pdf zum Download: BBHF_20180803

 

10 Antworten auf „#Brieferl No.100 – Die Route nach Schasklappersdorf“

  1. Ganz genau getroffen! So ist der Mensch gestrickt! Ein Insichgehen ist viel zu anstrengend , da sucht man einfacher immer die Schuld bei den Anderen! Sich selbst zu hinterfragen ist Mühe und Fehler eingestehen, fast unmöglich!
    Großartiger Artikel!
    Vielen Dank!
    Dieser Status Quo muß immer wieder aufgezeigt werden und in das Bewußtsein der Menschen gehämmert werden!

  2. Ich erwache, die Schockstarre löst sich ein wenig!! Wo kann ich all diese „Briefer“ lesen!! Es wäre Balsam für meine Seele, die nicht glauben kann was mit Österreich gerade passiert und sie „wundert sich, was alles geht!!“

  3. Dass die Menschen, denen es schlecht geht und die Not leiden sich aufmachen um sich einen Ort zu suchen wo sie Schutz finden ist ihr gutes Recht und soll ihnen auch nicht verwehrt werden.
    Sich aber die Rosinen herauszupicken und unter falschen Angaben Vorteile zu verschaffen ist einfach nicht drin. Punkt. Basta. Amen.
    Eine Koalition funktioniert leider nur wenn die eine Partei der anderen in gewissen Punkten zustimmt, auch wenn es ihr gegen den Strich geht. Leider ist das so. Das kann nur der Wähler ändern, indem er andere Mehrheiten zulässt. zB. Eine blaue oder dunkelrote Alleinregierung – aber die liegt in fernster Zukunft!

  4. Vielen Dank, super geschrieben!
    Ich habe mich auch schon mit der kognitiven Dissonanz beschäftigt, aber in einem ganz anderen Bereich: Essen von Tieren.

    Auch da wird im großen Stil verdrängt und vertuscht was eigentlich mit den Tieren in der Massentierhaltung gemacht wird. Kein Mensch (Psychopathen ausgenommen) möchte Tieren so viel Leid, Qualen und Tod verursachen, trotzdem wird weiterhin fleißig Schnitzel gegessen und die Schlachthäuser werden ausgeblendet („Die Aufnahmen sind aus dem Ausland“; „In Österreich geht’s den Tieren eh gut“; „Man braucht tierische Produkte um gesund zu bleiben“; „Ich esse eh nur Biofleisch“; etc.).

    Das Thema wird immer wieder nachrangig behandelt oder überhaupt von der Politik ignoriert, obwohl es einen immensen Impakt hat auf unsere Umwelt (Klimawandel, Wasserverbrauch, Böden Verschmutzung, Futtermittelanbau), auf die Tiere und unsere Gesundheit. Aber da braucht man sich wieder nur fragen wo das Geld steckt, Landwirtschaftslobby, AMA, etc. wollen natürlich den Status Quo beibehalten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.