#Brieferl No.132– Thomas Midgley und die institutionalisierte Bösartigkeit

Lieber Cousin Herbert,

obwohl ich mir bewusst bin, dass du ja Philosophie studiert hast (wie lange eigentlich genau?) und vermutlich nicht so der Techniker bist, möchte ich dir heute einen Wunderwuzzi der Chemiegeschichte präsentieren.

Thomas Midgley, ein Amerikaner des angehenden 20. Jahrhunderts, konnte zwei fundamentale Probleme der Industrie lösen, was ihm nicht nur diverse Auszeichnungen einbrachte, sondern ihn auch als Geschäftsmann erfolgreich machte.

Das erste Problem, das er souverän löste, war das unbeliebte “Klopfen“ bei Verbrennungsmotoren. Als Angestellter von General Motors kam er auf die Idee, dem Benzin schlicht Blei hinzuzufügen.
Tatsächlich, das Klopfen war weg, dafür einige Mitarbeiter, die den Bleizusatz produzierten, tot. Insgesamt verursachte das freigesetzte Blei in der Atmosphäre Gesundheitsschäden rund um den Globus.

Das zweite Problem, dem er sich mit vollem Einsatz widmete, waren die Kühlschränke. Er entdeckte das FCKW als Ersatz für die bis dahin eingesetzten giftigen oder explosiven Substanzen. Lief auch alles pipifein, bis man leider feststellen musste, dass FCKW die Ozonschicht zerstört.

So kam es, dass Thomas Midgley vom gefeierten Helden zu jener Person mutierte, die “mehr Auswirkung auf die Atmosphäre hatte als jeder andere Organismus in der Erdgeschichte“.

Der Arme kann einem ja fast leid tun, denn die globalen wie negativen Auswirkungen waren ihm wohl weder in der Tragweite bekannt noch waren sie Ziel seiner Erfindungen. Immer, wenn ich an Thomas Midgley denke, muss ich auch an den Basti denken.

Die FPÖ passt finde ich gut zum verbleiten Benzin.
Die hat er sich als Koalitionspartner genommen, damit das “Klopfen“ im Regierungsmotor aufhört, das man gemeinhin als politische Diskussion sehen könnte. Aber er hatte schon dafür gesorgt, dass das “Klopfen“ als ewige Streiterei zwischen schwarz und rot empfunden wurde. Weshalb der gramgeneigte Wähler nun froh sein darf, dass das “Klopfen“ ein Ende hat und Harmonie den Regierungsmotor ruhig laufen lässt.
Dass das Blei halt giftig ist, darf ein Weichei nicht erschüttern. Weil wer will auch schon ein Weichei sein.

Das FCKW ist wie der Umbau des Sozial- und Rechtssystems. Midgley hatte es ja nicht zum Spaß erfunden, sondern um die bis dahin eingesetzten suboptimalen Substanzen zu ersetzen. Der arme Midgley war sich der Schädlichkeit seiner Erfindung nicht bewusst und wollte tatsächlich etwas verbessern.
Das verkauft der Basti ja auch so. Da wird vollmundig von notwendigen Strukturreformen gesprochen, wenn es um die Krankenkassen geht. Ein eigenes Ministerium für “Verfassung, Reformen, Deregulierung und Justiz“ wurde eingerichtet, weil Reformieren und Deregulieren das vermeintlich Allerallerwichtigste sind.

Allerdings hinkt der Vergleich von Thomas Midgley und Sebastian Kurz ein wenig. Midgley war gebildet, hatte einen Studienabschluss und wirklich daran interessiert, Verbesserungen zu schaffen. Unser Basti ist halt nicht sehr gebildet, weder intellektuell noch, wie es scheint, emotional. Oder wie es Anneliese Rohrer so schön mit dem Wort “Grundbösartigkeit“ zum Ausdruck gebracht hat.

Unser Bundesmaturant hat es jedoch bisher geschafft, die Grundbösartigkeit von anderen ausführen zu lassen. Du erscheinst mir da ein besonders braver Erfüllungsgehilfe zu sein, wenn ich beispielsweise die aktuellen Abschiebungsfälle betrachte.

Da wurde am Samstag Qamar Abbas abgeschoben, obwohl er seit 6 Jahren in Österreich war, gut Deutsch konnte und zudem eine Lehrstelle innehatte.

Gestern wollte man eine Familie abschieben, die seit 5 Jahren in Österreich lebt. Der kleine Sohn ist 3 Jahre alt, er wurde in Österreich geboren, er kennt nichts anderes. Auch diese Familie gilt als gut integriert. Die Abschiebung erfolgt natürlich immer noch, sie muss nur ein wenig aufgeschoben werden, weil doch die Mutter im Krankenhaus liegt.

Ich frage dich, lieber Cousin – wie bösartig muss man als Minister sein, dass man Menschen das Leben zerstört, nur um das “Klopfen“ im Regierungsmotor weiterhin zu unterdrücken?
Wie bösartig muss man als Kanzler sein, wenn man den Minister schalten und walten lässt und so tut, als ginge einen das alles nix an?

Ja ja, ich weiß schon, was du sagen willst.

1) Das steht so im Regierungsprogramm

Stimmt. Seite 9

Heimat: Wir wollen unsere Heimat Österreich als lebenswertes Land mit all seinen kulturellen Vorzügen bewahren. Dazu gehört auch, selbst zu entscheiden, wer als Zuwanderer bei uns leben darf, und illegale Migration zu beenden.

2) So ist das nun mal in einem Rechtsstaat, man muss sich an die Gesetze halten

Stimmt auch. Ich erzähle dir dazu jetzt ein supergeheimes Geheimnis: Gesetze werden gemacht! Ja wirklich, die sind nicht von selber da. Das sind nur die Naturgesetze, die Gesetze in den entsprechenden Büchern haben sich Menschen ausgedacht.

Man kann also auch Bösartigkeit institutionalisieren. Den Rechtsstaat einhalten ist auch für bösartige Leute ganz einfach, man braucht nur die rechtlichen Grundlagen dafür zu legen.
Das erinnert mich an die Nürnberger Rassengesetze, mit denen “die Nationalsozialisten ihre antisemitische und rassistische Ideologie auf juristischer Grundlage institutionalisierten“.

Ich frage mich, ob Thomas Midgley verbleites Benzin und FCKW auch dann in Umlauf gebracht hätte, wenn ihm bekannt gewesen wäre, welcher Schaden dadurch entstehen wird.

Und ich frage mich, ob unser Bundesbasti weiß, welchen Schaden er mit dem FPÖ-Blei anrichtet. Wenn nicht, dann könnte er ja beispielsweise seinen Parteikollegen Othmar Karas fragen, der eine gewisse “Widerwärtigkeit“ im Geist der FPÖ ausgemacht hat, wenn sie mit fragwürdigen Sujets die (laut EU Kommission im Übrigen EU rechtswidrige) Indexierung der Kinderbeihilfe bewirbt.

Die gute Nachricht: so groß der Schaden auch war, der durch Thomas Midgley entstanden ist, so groß waren die Unternehmungen, diesen wieder zu beseitigen.

Midgley übrigens hat ein tragisches Ende genommen: er erkrankte an Kinderlähmung, die zu schweren Behinderungen führte. Er tüftelte eine Vorrichtung aus, die ihn aus dem Bett heben und in den Rollstuhl verfrachten sollte. Jedoch verhedderte er sich darin dermaßen ungeschickt, dass ihn die Vorrichtung strangulierte.

Liebe Grüße,
Cousine Daniela

9 Antworten auf „#Brieferl No.132– Thomas Midgley und die institutionalisierte Bösartigkeit“

  1. Musste damals nicht jede/r Studierende zu allen Fächern an der Philosophischen Fakultät ein „Schmalspur-Philosophie-Studium“ dazu machen? – Ich könnte also auch sagen, ich hätte Philosophie studiert, wollte ich angeben.

  2. Wie sagte unser „wiederwärtiger“ Bundesbasti…. Es wird nicht ohne böse Bilder gehen… oder so ähnlich….. Aberdiese ganze Regierung ist ein einziges böses Bild und es ist schwierig hinzuschauen…. Trotz allem danke für den Brief…

  3. Man kann die Haupteigenschaft dieser Regierung (Hanne Rphrer sei Dank!) am besten mit dem Ausdruck „Grundbösartigkeit“ beschreiben. Diese wieder erzeugt bei jenen, die sich als Gefolgsleute verstehen, vorauseilenden Gehorsam und so werden die schlimmsten Dinge von denen durchgeführt, die das in Wirklichkeit gar nicht hätten tun wollen. Das haben die in den naziprozessen auch gesagt: Das wollten wir ja gar nicht, aber man hat es von uns erwartet, also haben wir es gemacht. ich glaibe noch immer daran, dass sich diese Regierung totlaufen wird, denn sie hat außer den verfassungswidrigen Ideen und dem Schüren des Fremdenhasses nichts aufzubieten. Vor der nächsten Wahl wird die Bilanz zu ziehen sein, und dann wird nicht viel übrig bleiben, was auch nur irgendjemandem aus der breiten Masse zugute gekommen wäre. Nada! BTW: am 15.12.2018 kann man am Westbahnhof mitmachen, seinen Unmut über diese Regierung zum Ausdruck bringen, … Setzen wir ein Zeichen! Wer schweigt, stimmt zu.

  4. Die wunderbaren Worte und treffenden Analysen von Daniela Kickl müssten für jede Österreicherin und jeden Österreicher eine tägliche Pflichtlektüre sein. Die einzige Chance, dass MENSCHLICHKEIT in Österreich nicht völlig unter die Räder oder besser gesagt unter das Basti Bumsti Desaster gerät …

  5. Großartig wie Sie immer wieder derart treffende Analogien finden. Der arme Thomas Midgley, wenn der wüsste zu welchem Vergleich er heran gezogen wird. Diese bösartige Regierung hat sich diesen Vergleich fast nicht verdient. Oben zweifelte jemand, ob die Angesprochenen den Vergleich verstehen würden – es wäre schon optimal läsen sie ihn.
    Ich danke Ihnen jedenfalls für jeden ihrer Briefe (Brieferl ist mir zu verharmlosend), wenn ich „einzuschlafen“ drohe, werde ich ich dadurch immer wieder geweckt, manchmal unsanft manchmal mit viel lächelnder Häme, und ich hoffe noch immer diesen Alptraum ehest möglich los zu werden.

    Mit großer Dankbarkeit Ihre
    Doris Eybl

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