#Brieferl No.230 – Der “menschliche Faktor“ im Lügenmuseum




Lieber Cousin Herbert,

kannst du dich auch noch an Chesley “Sully“ Sullenberger erinnern? Das ist jener, mittlerweile pensionierte Pilot, der am 15. Jänner 2009 einen Airbus A320 nach Problemen mit den Triebwerken durch Vogelschlag im New Yorker Hudson River notwasserte.

Unsereins, also flugtechnische Laien, war ob seines Mutes und der richtigen Vorgehensweise begeistert gewesen. Die Flugsicherheitsbehörde National Transportation Safety Board (NTSB) war nicht ganz so angetan von dem Manöver, weil er doch immerhin einen Totalschaden an der Maschine verursacht hatte.

Im Zuge der eingeleiteten Untersuchungen waren mehrere Flüge im Simulator durchgeführt worden, die alle zum gleichen Ergebnis kamen: er hätte nicht notwassern müssen, denn das Erreichen von anderen Flughäfen wäre zeitlich noch drinnen gewesen.

Die Simulationen waren grundsätzlich korrekt durchgeführt worden – bis auf eine klitzekleine, aber doch wesentliche Kleinigkeit: der Faktor “Zeit“, oder wie es Sully selbst nannte, der “menschliche Faktor“ war nicht berücksichtigt worden.

Alle im Simulator fliegenden Piloten konnten nämlich nach dem Crash mit den Vögeln unmittelbar (re)agieren. Das war in der realen Situation nicht möglich gewesen, denn da kam der Crash unvermutet. Nachdem man den Piloten im Simulator eine Zeitverzögerung von 35 Sekunden (!) vorgegeben hatte, waren diese nicht mehr Lage gewesen, auf den zuvor präferierten Flughäfen zu landen, sondern krachten vorher in die Hochhäuser von New York.

Du fragst dich jetzt sicher, warum ich dir das erzähle, richtig?

Es ist “der menschliche Faktor“, der mir keine Ruhe lässt.

Du erinnerst dich sicherlich daran, dass uns Pamela Rendi-Wagner am 18. September von den zwei Gesichtern des Sebastian Kurz erzählt hat.

Und sie hatte uns auch erzählt, dass er vom Fieber des Norbert Norbsi Hofer erfahren und diesen Umstand brühwarm am Telefon seinem Pressesprecher erzählt hat. Natürlich hat seine Kürzlichkeit dann wie üblich auf unschuldig getan.

“ Statt an Hilfe und Unterstützung zu denken, hat Kurz um ca. 20 Uhr – vor dem gemeinsamen Gruppenfoto im ORF-Studio – seinen Pressesprecher damit beauftragt, eine Zeitung darüber zu informieren. Ich war in unmittelbarer Nähe und habe es selbst gehört. Meine Überzeugung ist: Jemandem, der Unterstützung braucht, ist rasch zu helfen. Kritische Situationen anderer Menschen für den eigenen Vorteil zu nützen, ist unanständig und unmenschlich.“

Dank Twitter wurde ich wieder einmal auf eine interessante Sache aufmerksam:

Der besagte Online-Zeitungsartikel war tatsächlich am 11. September erschienen und zwar um 20:36.

Freundlicherweise, man will sich schließlich nichts nachsagen lassen, wurde als Referenz auch gleich der Tweet dazu gegeben, von dem man die Information erhalten haben mag. So schrieb nämlich Volker Höferl, der Pressesprecher seiner Kürzlichkeit, dass unser Norbsi eben fiebrig wäre. Und zwar um 20:28.

 

 

Das geht sich locker aus! In acht Minuten kann man die paar Zeilen schon in die Tasten hauen, sich eine Freigabe vom anwesenden Chefi holenund die Seite vom Content Management System veröffentlichen lassen . Lockerst.

Genauso lockerst, wie man eben im Flugsimulator einen Flughafen anfliegen kann, der in der Realität, im Live- und Echtbetrieb eben unerreichbar war. Wegen des “menschlichen Faktors“.

Ich weiß nicht, wer genau den Artikel für “Österreich“ verfasst hatte. Steht nämlich nicht dabei.

Eines ist klar: der eifrige Mitarbeiter muss faktisch noch in der gleichen Hunderstelsekunde, als Höferl den Tweet abgesetzt hatte, diesen
1) gesehen
2) dessen Relevanz erkannt
3) in die Tasten geklopft haben.

Sonst geht sich das nämlich zeitlich nicht aus.

Aber dieses Szenario gilt wohl eher für den Redaktionssimulator, in dem alles perfekt abläuft. Da ist keiner am Klo, keiner müde und VOR ALLEM schauen alle ununterbrochen nur auf EINES: was twittert Volker Höferl!

Es war nämlich ganz sicherlich NICHT so, wie es mir in diesem geheimen Geheimprotokoll übermittelt wurde:

11. September, 2019, 20:00

Basti: Servas Johannes. Es geht um an Hofer. Bist du deppert, der schaut aus.

Frischmann: Und? Schaut der ned immer aus?

Basti: Jo eh. Aber diesmal ist es was anderes.

Frischmann: Warum? Gluck Gluck?

Basti: Na, i glaub ned. Fiebrig schaut er aus. Angeblich hat er 39 Grad. 39! Der hat mehr Fieber als ich alt bin. Des geht ned!

Frischmann: Und wen interessiert des jetzt?

Basti: Die Leute sollen das wissen. Wenn der wieder irgend‘an Schas da‘zählt, kömma wenigstens auf‘s Fieber verweisen.

Frischmann: Ah jo, genau. Deppert, dass der Kickl Triathlet und so selten krank ist. Tät ma uns a leichter.

Basti: Eben! Also jetzt Zack Zack Zack an die Zeitung melden!

Frischmann: Denen von Zack Zack soll i des stecken? Ob des a guade Idee is?

Basti: Oba na! Des is doch nur die Redewendung seit Mallorca. Jetzt bin i a scho ganz deppert. Ibiza natürlich, IBIZA!

Frischmann: Wos is jetzt mit Ibiza? Der Hofer woa a auf Ibiza und hat jetzt Fieber? I kenn mi nimmer aus.

Basti: Heast! Ruf die von oe24 an, sag denen, dass der Hofer Fieber hat und dass die des bringen soll‘n!

Frischmann: Und woher sollen die des wissen? Von mir?

Basti: Na, des geht ned. Schau halt, dass irgendwer dem Höferl (Anm: Pressesprecher Norbsi) sagt, er soll das auf Twitter schreiben. Das ist das einfachste.

Frischmann: Fallt des ned auf? Der twittert ja so gut wie nie.

Basti: Aber na. Wer schaut denn schon so genau?

Frischmann: Passt, wird erledigt.

Um die Geschichte abzurunden:

„Kurz‘ Pressesprecher Johannes Frischmann übermittelte nun eine Aufstellung SEINES Einzelgesprächsnachweises vom Abend des 11. September.“

Fieber von Hofer: Kurz-Sprecher legt Rufdaten offen

Dass auf derartigen Nachweisen üblicherweise nur die AUSGEHENDEN Anrufe, jedoch keine eingehenden vermerkt sind, braucht niemanden zu jucken. Wozu also den Einzelgesprächsnachweis hergeben? Um zu beweisen, dass seine Kürzlichkeit ihn NICHT angerufen hat? Völlig ungeeignet für die tatsächliche Wahrheitsfindung, geeignet aber für das Konzept der gut dargebrachten Lüge!

Das Wesen der gut dargebrachten Lüge

Das Wichtigste bei einer richtig guten Lüge ist die Möglichkeit, dass sie stimmen könnte. Was keinesfalls passieren ist, dass sich der Zuhörer unmittelbar nach der Aussage an den Kopf greift und sich denkt “a so a depperter Gschichtldrucker“.

Nehmen wir an, du würdest eine Lüge verbreiten wollen. Du gibst wieder einmal irgendwelche Pseudoweisheiten wie zB

“Ich glaube immer noch, dass der Grundsatz gilt, dass das Recht der Politik zu folgen hat und nicht die Politik dem Recht

von dir.

Der blaue Fan wird vor Ehrfurcht verblassen und dich fragen: “Wow, Sie sind ja so gescheit! Woher wissen Sie denn so viel?“

Wenn du dann antwortest “Ich bitte Sie, ich habe Philosophie studiert!“ dann ist die Ehrfurcht noch größer und der Zuhörer wird nicht hinterfragen, wie lange oder wie intensiv du studiert hast.

Es ist der “menschliche Faktor“, dieses “so genau schaut eh keiner“, der das Wesen der gut dargebrachten Lüge bestimmt. Was immer explizit oder auch nur implizit suggeriert wird, kann potentiell der Wahrheit entsprechen.

Was mich wiederum an den “Termin vom Basti bei Tim Cook“ erinnert. Wobei es in diesem Fall fast völlig irrelevant ist, ob er nun grundsätzlich gelogen hat oder nur teilweise.

Denn entweder stimmt die ganze Geschichte von vorne bis hinten nicht, dann ist sie eben erstunken und erlogen. Oder aber alles stimmt, vom Termin bis hin zur in den Medien verbreiteten Geheimhaltung. In diesem Fall wäre er zumindest jemand, dem man deshalb in keinster Weise vertrauen kann, weil er doch trotz des vereinbarten “absoluten Stillschweigens“ fröhlich geplaudert hat.

Ich finde jedenfalls, dass dem Basti sicherheitshalber im Lügenmuseum ein ganz eigener Bereich gewidmet werden sollte. Und zwar unter dem Titel “Meidling oder Waldviertel, das ist keine Frage!“

Da können sich die Museumsbesucher nicht nur anschauen, wie professionell gelogen wird, sondern auch welch wunderbarer Zusatznutzen aus der einen oder anderen Lüge zu generieren ist. Nämlich die Ablenkung von den wesentlich schwerer wiegenden Lügen.

Liebe Grüße,
Cousine Daniela




Eine Antwort auf „#Brieferl No.230 – Der “menschliche Faktor“ im Lügenmuseum“

  1. Betrüger und Schwindler treiben die Welt um. Halunken regieren sie. Dieses Zitat von Paul Auster ist mir zugeflogen und passt meiner Ansicht nach gut zu dieser Story von Ihnen.

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